Daniel Berger

Super Value Country

Ein Mann, der allein durch die USA reist. In einem bedeutungslosen Ort im Nirgendwo trifft er Michelle. Eine Kurzgeschichte.

Gestern Nacht lag ich hellwach im Bett, als weißes Licht über den Himmel flackerte und durch die Wolken zuckte. Das trockene Krachen klang wie Krieg und erst gegen 4:00 Uhr schlossen Warm- und Kaltfront den ersehnten Frieden. Jetzt muss ich schon wieder gähnen und halte etwas verspätet die Hand vor den Mund. Ich sitze auf einem weichen Sofa, dessen Muster das Polster in vertikalen Bahnen umschlingt. Visuelles Thema: «Urwald mit Papageien und Palmenblättern».

Das Sofa ist sehr grün und ein bisschen gelb. Es hat die Form einer Banane.

«Die Klimaanlage geht nicht richtig, es ist viel zu kalt bei uns», sagt eine Frau etwas zu laut. Sie klingt leicht verschnupft und komplettiert ein Liebespaar, das am Empfangstresen steht. Vier Füße in vier Flipflops. Die rechte Hand der Frau steckt lässig in der linken Gesäßtasche ihres Partners.

Die Rezeptionistin nickt verständnisvoll. Ihre Arbeit muss entsetzlich langweilig sein: Den ganzen Tag muss sie sich Beschwerden anhören und dabei immer, immer freundlich bleiben. Den ganzen Tag muss sie jemand anders sein, eine Maske tragen und ihre wahren Gefühle unterdrücken, bis sie komplett abstumpft. Worte sind nur noch Laute und bewirken nichts mehr.

«Den meisten Gästen ist es eher zu warm», erklärt sie.

Draußen ist es heiß und alles sollte in Flammen stehen, so brutal scheint heute die Sonne. Erbarmungslos, als wollte sie der Menschheit endlich ein Ende bereiten. Doch hier in der Lobby und in den Zimmern dieses Markenhotels ist es lausig kalt. Leises Surren, es zieht. Die Intention ist gut und das technische Konzept stimmt. Doch es hapert an der praktischen Ausführung, es fehlt die gesunde Balance: Statt das eine Extrem elegant auszugleichen, schaffen die brummenden Geräte ein zweites.

«Mir ist das wirklich zu kalt, besonders nachts, ich friere richtig.»

Neben dem Sofa stehen rechts und links zwei Sessel im selben Muster. Noch mehr Bananen, noch mehr Palmenblätter, noch mehr Papageien, noch mehr Grün und etwas Gelb. Hinter mir stehen dürre Pflanzen, deren Blätter aneinander schaben. Ich sitze mitten im Dschungel.

Ansonsten ist die Lobby ein deprimierender Ort. Sehr ordentlich, hell und steril. Diesem Raum fehlt jeglicher Charme, ihm fehlen Patina und Geschichte.

In der einen Ecke steht ein ATM, ein Geldautomat, der zum Geldverschwenden einlädt. In der anderen Ecke steht ein Metallgestell und bietet bunte Prospekte an. Ein Mann mittleren Alters interessiert sich ausgiebig und voller Hingabe für die Sehenswürdigkeiten der Gegend. Er nickt beim Lesen der Prospekte und verschwindet schließlich mit den Händen voller Hochglanzpapier im Fahrstuhl. Männer, die sich Staudämme angucken.

«Frauen haben ja auch weniger Muskeln», erläutert nun der Freund.

Er mag es wohl etwas kühler, will aber seiner Freundin bei den schwierigen Verhandlungen nicht in den Rücken fallen.

«Ich schicke euch mal einen Techniker hoch», verspricht die Rezeptionistin und klackert ein paar Buchstaben in den Computer. «Der kann sich das morgen angucken.»

«Morgen?! Das finde ich inakzeptabel», umreißt die Frau die Situation.

Die Worte treffen gegen die glatten Wände, prallen ab und verhallen.

«Tut mir leid», behauptet die Rezeptionistin und macht ein passendes Gesicht.

«Tja», sagt der Freund und gähnt und steckt mich an. Jetzt gähnen wir gemeinsam. Wir sind heute alle sehr müde und warten auf die gemütliche Dunkelheit, die einhergeht mit einer Abkühlung der Luft.

Das Paar gibt sich geschlagen. Die Rezeptionistin wünscht ihnen einen «schönen Tag». Der Fahrstuhl erreicht die Lobby, ein leises «Ping!» ertönt und die Türen öffnen sich. Das Paar steigt ein und verschwindet. Es ist kurz ruhig, bis auf das Rauschen der Klimaanlage. Und plötzlich stehen zwei Beine vor mir, sie gehören zu Michelle, sie ist der Grund für mein Warten. Ihretwegen sitze ich im Dschungel, in der grünen Hölle, die nach nichts riecht.

«Hey», sagt sie.

«Hey», sage ich.

Ich stehe vom Sofa auf und lächle. Michelle lächelt auch, aber nur ein bisschen, sie sieht geschafft und müde aus. Michelle arbeitet in einem kleinen Convenience Store in der Nähe. Dort habe ich mir am Vormittag eine Flasche Fanta und eine Tüte Chips gekauft. An der Decke bewachte eine kleine Kamera aufmerksam das Geschehen und ich fragte mich, ob sie echt war. An der holzvertäfelten Wand hingen eine Uhr und ein Thermometer: halb elf / dreiundachtzig °F. Das Surren der Klimaanlage ließ erahnen, dass der Filter lange nicht mehr ausgetauscht worden war. Das Gerät klang wie das Husten eines älteren Herrn (der sich gern Staudämme anschaut).

Ich stand noch eine Weile vor einem Gemälde, das wie ein Fremdkörper in dem kleinen Laden wirkte. Es zeigte Tannen, hohe Tannen an einem schwarzen See. Ich sehnte mich nach Natur, aber der Wald war weit weg.

Die Kassiererin tippte die Preise in die Kasse, ein paar $ irgendwas. Das Namensschild an ihrem Shirt verriet, wie sie hieß. Michelle sah hübsch aus, sie gefiel mir sofort und ich hatte seit Tagen keine längere Unterhaltung mehr geführt.

«Würdest du mit mir einen Kaffee trinken gehen?», fragte ich plötzlich. Mein Gesicht wurde heiß, verbrannte. «Ich bin neu in der Stadt.»

Es war kein anderer Kunde da, sonst hätte ich mich nicht getraut, sie einfach anzusprechen. Mir gefiel einfach der Gedanke, mit dieser Frau zu reden.


«Lass uns gehen», sagt sie.

Wir verlassen den Urwald.

Draußen transpiriert mir sofort ein Oberlippenbart aus meiner Haut, den ich in den Ärmel wische. Die Sonne steht tief und färbt den hellgrauen Beton gelblich ein. Eine rote Linie am Bordstein mahnt vor dem Falschparken. Das Schaufenster verspricht «Air Conditioning» und neben kalter Coke auch heißen Kaffee. Draußen wünsche ich mir was Kühles, drinnen trinke ich lieber Kaffee, immer mit einer großzügigen Portion Milch (und ohne Zucker). Michelle trinkt ihren schwarz und sehr schnell. Dazu essen wir Donuts mit Schokoglasur.

«…»

«…»

Wir sitzen in einem Diner neben einer Shell-Tankstelle, nicht weit von meinem Hotel entfernt. Die meisten Tische sind leer. Ich versuche, zu lächeln, aber meine Gesichtsmuskeln spielen nicht mit, ich sollte endlich etwas sagen und eine angeregte Unterhaltung beginnen. Doch ich fühle mich wie ein leeres Zimmer mit weißen Wänden, fensterlos und mit einer nackten Glühbirne an der Decke. Geistige Leere und Müdigkeit blockieren mich. Irgendwo in meinem Rachen hängen die Worte fest und kratzen im Hals. Selbst banaler Small-Talk will nicht über meine Zunge rutschen.

«…»

«…»

Das Wetter. Ich kann Michelle unmöglich erzählen, wie warm es draußen ist – das weiß sie doch selbst. Die unangenehme Stille dauert an und weitet sich aus. Ich erwische mich dabei, wie ich tagträumend zur großen Fensterfront schaue. Ich fantasiere, wie Zombies die großen Scheiben einschlagen und die Apokalypse ausbricht. Hinterm Tresen liegt die geladene Shotgun bereit. Ein gekonnter Griff, kraftvoll durchladen und immer auf die Köpfe zielen!

Zwischendurch fragt die Bedienung, ob sie noch Kaffee nachfüllen könne. Ja, bitte! Alltag hier draußen.

«…»

«Jetzt erzähl mal: Was hat dich hierher verschlagen?», unterbricht Michelle endlich die Ruhe und spielt mit.

Ich bin froh, dass wir miteinander sprechen und ich fühle, wie sich allmählich die Brocken in meinem Hals lösen.

«Ich erkunde das Land und fahre umher», höre ich mich sagen. «Vor vier Wochen bin ich in L.A. gestartet und seitdem bin ich unterwegs.»

«Der klassische Roadtrip.»

«Nicht unbedingt originell, ich weiß», sage ich und halte inne.

«Gefällt dir die Reise?», fragt Michelle nach einem Moment der Stille.

«Ja, schon», sage ich. Korrekterweise hätte ich antworten müssen, dass ich nicht zum Vergnügen reise. Aber eine Erklärung wäre zu kompliziert gewesen.

«Das würde ich auch gern mal machen – einfach unterwegs sein und das Land sehen.»

Es sei nie zu spät, behaupte ich, doch es klingt so banal.

«Was hält dich auf?», frage ich.

«Die Kosten», sagt sie. «Wäre schon ein teurer Spaß. Das Benzin und die Hotels – all das. Ich würde auch niemals alleine aufbrechen.»

Ich nicke beim Trinken.

«Ist das nicht schrecklich einsam?», fragt sie.

«Ich spüre eine eher berauschende Einsamkeit, weißt du?»

«Hm.»

«Manchmal erleichtert das Alleinsein ungemein, weil es keine Erwartungen zu erfüllen gibt. Es ist eine ungetrübte Freiheit: Ich kann früh schlafen gehen oder die ganze Nacht wach sein, ich kann stundenlang ziellos umherlaufen. Nur denken, nur sein – nichts weiter.»

Michelle nickt zaghaft, ihr Blick ist zweifelnd.

«Was aber nicht heißt, dass ich einer guten Unterhaltung aus dem Weg gehe», ergänze ich.

Michelle schaut mich an und legt ihren Kopf leicht schräg, in Richtung rechter Schulter. Das soll wohl Interesse ausdrücken.

«Ich treffe immer wieder interessante Menschen», ergänze ich.

Michelle überlegt einen Augenblick.

«Ich halte es nicht lange ohne Familie aus», sagt sie. «Ich brauche meine Leute um mich herum. Und natürlich meinen Verlobten –»

Ihren Verlobten.

«– mit dem ich alles bequatschen kann. Vermisst du deine Freunde nicht? Deine Freundin?»

«Ach … nein. Ein bisschen vielleicht. Aber es geht. Die vier Wochen sind erstaunlich schnell vergangen», sage ich und schiebe mir den letzten Donut-Brocken in den Mund.

Keiner meiner Freunde wollte mitkommen, denn sie haben dieser Tage viel zu tun und zu viel Stress. Bei der Arbeit, mit den Frauen und was nicht alles. Und so ein Roadtrip ist ja auch ein teurer Spaß.

«Wie bist du eigentlich in unserer kleinen Stadt gelandet?»

«Purer Zufall», sage ich. «Mein Navi hat plötzlich nur noch Schwärze angezeigt und ich hab mich völlig verfahren. Dann wurde es draußen immer dunkler und am Ende bin ich irgendwie hier gelandet. Das ist jetzt zwei Tage her.»

«Gefällt’s dir hier?»

«Viel habe ich seitdem nicht gesehen. Im Fernsehen lief ein Simpsons-Marathon.»

«Hm.»

Michelle schlürft ihren Kaffee in großen Schlucken. Ihre Lippen sind sehr schön, sehr rot und sicherlich sehr weich.

Ein älterer Mann kommt zur Tür rein, definitiv kein Zombie. Er setzt sich auf einen Hocker am Tresen und begrüßt die Bedienung: «Hey, Marge.»

Marge hat keine blauen Haare, aber gelbliche Haut, vielleicht liegt das am Sonnenlicht, das durch die Scheibe fällt.

«Na, wie geht’s, Harold?»

«Gut, gut. Ich nehme das Übliche.»

Er wird einen Kaffee bekommen und ein Sandwich mit Chicken und Bacon.

«Klar doch, Harold.»

Wie sie sich beim Namen nennen. Zu Hause weiß ich nicht, wie die Typen bei Starbucks heißen.

«Bist du tätowiert?», fragt Michelle. Ihre Stimme ist plötzlich erschreckend laut. Schrei doch nicht so, will ich ihr sagen, aber ich tue lieber so, als würde ich über ihre Frage nachdenken.

«Nein», sage ich schließlich und füge noch rechtzeitig hinzu: «Und du?»

Darauf hat sie gewartet.

«Das habe ich mir letzte Woche stechen lassen», sagt sie und zieht ihren Kragen zurück und zeigt mir ihr entblößtes Schulterblatt, auf dem zwei asiatische Schriftzeichen zu sehen sind: 自由.

«Das ist Japanisch», erklärt sie.

«Und was steht da?»

«Freiheit», sagt sie.

«Kannst du Japanisch?»

«Nee», sagt sie und lacht.

Ich trinke meinen Kaffee aus.

«Wer weiß, vielleicht steht da eigentlich ‹Dosenhühnchensuppe› auf deinem Schulterblatt», sage ich und lache ein bisschen, was Michelle völlig zu Recht ignoriert.

«…»

«…»

«Dann habe ich noch einen Totenschädel auf dem Arm», sie schiebt den Ärmel ihres Shirts hoch, «und noch ein drittes Tattoo, das ich dir hier aber nicht zeigen kann.»

«Ach, schön», sage ich.

Harold hustet laut, Marge bringt ihm schnell ein Glas Wasser, kümmert sich. Alltag hier draußen. Das Sonnenlicht fällt auf Michelles Gesicht, es ist wirklich schön.

Für heute hat die Wettervorhersage eine ruhige Nacht versprochen.