Daniel Berger

Sie lieben spät in Lissabon

Schattige Straßen, muffige Mauern, der traurige Fado: Lissabon bietet die perfekte Kulisse für melancholische Streifzüge.

Vor dem großen Regen bin ich da, mitten in einem gutgelaunten Durcheinander von Menschen, die trinken und lachen. An der Bar ist noch ein Hocker frei, der Tresen ist feucht und kalt, jemand wischt die Krümel zur Seite und stellt mir ein Bier hin – ein frisch gezapftes Super Bock. Hinter mir stehen die Tische eng nebeneinander, dort sitzen Jungs und Mädchen, die sich in die Augen schauen und verliebt ins Hühnchenfleisch beißen. Neben mir trinken zwei Frauen Vinho Verde und hinterlassen durchsichtige Lippenabdrücke auf den Gläsern. Die eine dreht mir den Rücken zu, leicht gekrümmt und leicht bekümmert. Die andere nickt verständnisvoll und hört gut zu. Das ist gar nicht so leicht, weil hier alle laut durcheinanderreden.

Am Nachmittag bin ich nach einem turbulenten Flug in Lissabon gelandet. Der Pilot hatte seinen ersten Landeversuch abbrechen müssen und war voll durchgestartet. Er riss die Maschine hoch und stieß sie durch den dichten Nebel zurück in den Himmel. Das Brummen der Triebwerke lag schwer in den Ohren und übertönte jedes Stoßgebet. Das Flugzeug kreiste einige Male über der Stadt und rührte die Wolken ordentlich um, bis sie ganz cremig waren, dann wagte der Pilot einen zweiten Versuch: Das Flugzeug setzte hart auf der Landebahn auf und die Passagiere applaudierten wie sonst nur bei Billigflügen nach Mallorca.

Ich bin ein bisschen froh, noch am Leben zu sein, und schaue einem blonden Mädchen dabei zu, wie es hinter dem Tresen dreckige Teller in ein Kabuff trägt, wo zwei Männer abwechselnd abwaschen und kochen. Mir bringt das Mädchen einen vollen Teller: gegrillte Hühnchenbrust mit Reis und Pommes und einem Schuss Ketchup.

«Obrigado!»

Das Lokal ist voll und vor der Tür warten welche, die auch noch rein wollen. Fremde sitzen neben Fremden, Schultern drücken an Schultern. Pärchen und Mütter und ihre Töchter, Väter mit ihren entfremdeten Söhnen, die bald selbst Väter sein werden und alles besser machen wollen. Sie alle essen, was auf den Tisch kommt – und das ist günstig und lecker. Gegrillter Fisch, knackiges Gemüse, viel Fleisch, viel Bier, viel Wein. Hier werden alle satt und treten glücklich in die Nacht. Durch die beschlagenen Scheiben fällt das weiße Neonlicht auf das glänzende Kopfsteinpflaster.

Für mich geht es bergab, mein Zuhause liegt in der Tv. da Portuguesa, eine wellige Gasse im Bairro Alto. In dem Kneipenviertel reihen sich Bars an Bars an Bars – alles kleine Läden, ganz verträumt und ziemlich leer. Musik läuft aber auch, wenn niemand tanzt.

Vor einer kleinen Bar bleibe ich stehen. In einem roten Raum steht hinterm Tresen eine dunkelhaarige Frau, die Gläser im Takt der Musik spült. Sie hat genügend Zeit, um sich Gedanken zu machen, die sonst zu leise sind. Ich betrete das kleine Lokal, weil mir plötzlich danach ist. Auf einem Sessel sitzt eine Frau, die ein Buch in der Hand hält, dessen Titel ich im schummrigen Licht nicht entziffern kann. Ich bestelle am Tresen ein Bier und trage es zu einem fleckigen Sessel am Fenster, setze mich und schaue rüber zu der Frau. Sie liest nicht mehr, sondern schaut mich lang an. Und gerade, als ich mich frage, ob meine Anwesenheit wohl stört, legt die Frau ihr aufgeschlagenes Buch auf den Sessel und schwebt zu mir rüber. Mein Herz setzt aus, im Hintergrund endet ein Liebeslied, dann ist es furchtbar still. Die Frau hockt sich neben mich und flüstert mir zärtlich ins Ohr: «It’s not gonna happen, just forget it.»

Oh well,
enough said.

Ich trinke schnell aus, bezahle und gehe. Für Melancholie bietet Lissabon die richtige Kulisse: die schattigen Straßen, die muffigen Mauern, der traurige Fado. Und sogar das Wetter spielt mit – das Licht der Laternen tanzt in den Pfützen und zuckt unruhig umher, weil in ihnen kleine Regentropfen ertrinken. Mit feuchten Socken laufe ich durch die stillen Gassen nach Hause.


Am nächsten Morgen fangen die Männer an, das Haus abzureißen, in dem ich wohne. Der Gesang von dröhnenden Presslufthämmern treibt mich früh aus den Federn, aber noch nicht auf die Straße, sondern erst mal an den großen Esstisch im Wohnzimmer. Zum Aufwachen brauche ich langes Frühstück, was Süßes, viel Kaffee. Mit Milch.

Ungeduldig prasselt der Regen gegen die Fensterscheiben. Ich schlürfe die Kaffeepfütze aus der Tasse, ziehe meine Regenjacke an und verlasse die Wohnung. Draußen bin ich schnell nass und sitze nach einer Weile lieber in der trockenen Tram. Linie #28, wo alle sitzen, die hier nur zu Besuch sind. Ich sitze in einer Tram voller Touristen und ein, zwei, drei Frauen, die nur schnell nach Hause wollen. Aufkleber warnen vor Taschendieben und kein Reiseführer vergisst, auf die flinken Langfinger in der #28 hinzuweisen. Deshalb sieht man hier Menschen, die verkrampft auf den Holzbänken sitzen und ihre Rucksäcke ganz dicht an ihre Körper pressen und sie kraftvoll umarmen.

Die Bahn rumpelt gemächlich durch die engen Straßen, vorbei an Touristen, die durch beschlagene Brillengläser die gelbe Straßenbahn entdecken und ein, zwei, drei Fotos machen. Mit Blitz. Über ihren Köpfen hängen Schlüpfer und Shirts an filigranen Metallgerüsten, die an den Hauswänden festgemacht sind. Die Wäsche flattert schwer im Wind oder klebt an den Fassaden. Aus den bröckligen Mauern hängen Kabel, lugen zwischen Fliesen mit farbenfrohen Mustern hervor, die vom Verfall ablenken sollen. Schmale Türen, enge Häuser, verwinkelte Straßen. Hier noch ein Fenster, da noch eine Tür. Das ist wunderschön – wenn man in den Ruinen nicht leben muss.

Nach einer Weile erreicht die #28 den Cemitério dos Prazeres, den städtischen «Friedhof der Freuden». Die Tram hält an und wir müssen aussteigen, was mich überrascht: Ich hatte mit einer Rundfahrt gerechnet – und nun stehen wir am Straßenrand wie Tramper, die das Glück verlassen hat. Der Trampilot steigt aus und raucht eine. Wir können ja gleich wieder einsteigen und zurückfahren, beruhigt er die verlorenen Seelen, die im Regen stehen. Nach ein paar Minuten schnipst er seinen Zigarettenstummel in den Wind und steigt wieder ein.

Für die Rückfahrt brauche ich eine neue Fahrkarte, die ich mit einem 50-€-Schein bezahlen will. Der Trampilot schaut auf den Schein und dann in mein Gesicht.

«I’m not a fucking bank», bellt er.

Mit Scheinen zu bezahlen ist nicht – das steht auch an der Scheibe, gegen die der Pilot energisch tippt. Kleingeld habe ich keines mehr, nur den 50er. Aus der Menschentraube hinter mir löst sich keine Heldin, die mir zur Rettung eilt, keine Heldin, die sagt: «I got this», und dem Piloten die Münzen in die Hand klimpert. Just forget it. Ich steige leise schimpfend aus, drängle mich auf die Straße zurück, in den Regen. Wieder so eine kleine Enttäuschung.

Auf dem Friedhof knirscht der Kies unter meinen Füßen. Keine Spaziergänger weit und breit – da ist nur ein Mann, der die Wege fegt. Und eine kleine Katze, die umher streunt, und im Maul ihr Mittagessen gefangen hält: eine dürre Maus mit einem Schuss Ketchup. Ich gehe pinkeln und verlasse den Friedhof wieder; ich habe hier nichts zu suchen.

Ich laufe eine Straße entlang, komme vorbei an Läden, Menschen, Ampeln. Überquere Straßen, biege ab und kehre um. Google Maps verhindert, dass ich in die völlig falsche Richtung laufe. Oft ist allerdings der falsche Weg viel interessanter, wenn es von A nach B über C, D und E geht. Nur sollte dabei die Sonne scheinen. Stattdessen scheiß Regen von oben, scheiß Regen von vorne, scheiß Regen von allen Seiten. Das abscheulichste Wetter, nichts als gieß, gieß, gieß.

Ich flüchte vor der Feuchtigkeit in ein enges Steh-Café. Hier spricht niemand Englisch und hier warten auch keine Touristen. Ich muss mit Händen erklären, was ich will: das da, Pastel de Nata und Kaffee, einen Galão. Nur das Piktogramm an der Wand verstehe ich sofort, es verbietet das Rauchen. Der Mann neben mir zündet sich trotzdem eine Kippe an, aber er darf das, man kennt sich. Nach dem Rauchen verschwindet er durch eine kleine Tür in den hinteren Teil des Cafés, wo sich in einem Wandschrank die Toilette befindet. Nach zehn Minuten kommt er zurück, es war eine anstrengende Sitzung. Entspannt schaut er rauchend dem Regen zu. Still und leise. Dreisam sind wir einsam, die Café-Besitzerin, der Raucher und ich.

Irgendwann erreiche ich die Fußgängerzone in Chiado, wo die großen Läden liegen. Viele betäuben sich hier mit langen Einkäufen, der Regen gibt guten Anlass hierzu. Im Herzen trägt jeder seinen Schmerz mit sich – und in den Händen, weil die Griffe der Plastiktüten in die Fingergelenke schneiden. Sie nehmen ein bisschen Glück aus den Geschäften mit, ein Glück in Plastiktüten, das aber nur bis zum Einbruch der Dunkelheit anhält. Außer den Tüten tragen die Touristen noch ihre bauchigen Rucksäcke und diese albernen Ponchos mit sich herum, die vor dem Regen schützen sollen.

Im Grunde sind die Geschäfte in Lissabon nichts Besonderes, die gibt es auch in London, in Berlin, überall. Hier zeigt die Globalisierung ihr langweiliges Gesicht. Nur die ganz Naiven freuen sich, dass es auch in Lissabon einen H&M gibt. Und sie freuen sich ohne jede Ironie, dass sie zum Abendessen McNuggets mampfen können; wie zu Hause, wie überall. Mir erleichtern die bekannten Läden und Logos immerhin die Orientierung: Ich weiß, dass ich bei McDonald’s noch ein bisschen weiter und dann bei H&M links abbiegen muss. Raus aus der Fußgängerzone.


Ich stehe an einer Ampel und schaue, wohin ich will, wo es lang geht. Ein alter Mercedes 200 D hält quietschend, obwohl er Grün hat. Die Seitenscheibe senkt sich. «Cocaine?», fragt ein Mann und hält ein Plastiktütchen aus dem Auto, damit ich sehen kann, dass er es ernst meint. «Marihuana? Hashish?» «Obrigado», aber lieber nicht. Jemand hupt und schimpft, der Mann kurbelt mühevoll das Fenster wieder hoch. Der Motor jault auf, der Mercedes braust davon. Die Fußgängerampel gibt den Weg frei, ich gehe weiter – und treffe wenige Meter später auf den nächsten Koks-Händler, der auch Regenschirme verkauft. Er streckt seine Handfläche aus, auf der eine braune Kapsel liegt.

«Is that an anal probe?», frage ich.

Der kugelige Kerl lacht.

«Well, is it?»

«Funny guy?», fragt er.

«No … I’m German», sage ich.

Der Kokshändler seufzt und wendet sich ab, lässt die eigenartige Kapsel wieder in die Hosentasche gleiten und tut so, als sei er nur ein harmloser Schirmverkäufer. Ich habe gelesen, dass viele Straßenhändler nur Oregano und Backpulver verkaufen; sie müssen sich also nicht vor der Polizei fürchten. Portugal hat außerdem eine sehr liberale Drogenpolitik, die Rauschmittel entkriminalisiert.

Zappa zapft

Am Abend folge ich einer Empfehlung von Joana, meiner Vermieterin, und sitze im Café Buenos Aires in der Calçada do Duque. Die Wände sind gelb und die Türrahmen rot. In gemütlicher Atmosphäre flackern die Kerzen auf den kippelnden Tischen. Hier kann ich ungestört sitzen und schreiben, beobachten und nachdenken. Vor mir liegt ein Moleskine-Notizbuch, das ich mit kleiner, kaum lesbarer Schrift fülle.

Doch dann wird es unruhig: Ein paar Jungs setzen sich an den größten Tisch, es sind stolze Amerikaner, laut und grob und durstig. Sie sehen so aus, als würden sie viel Football spielen. Sie trinken Bier und essen nichts. Lachen aus vollen Kehlen. Fehlt nur, dass sie grunzend ihre Shirts ausziehen und ihre harten Nippel vorzeigen.

Ich hasse sie (und klappe mein Notizbuch zu).

Eine Frau mit schwarzen Haaren, die sie zu einem unordentlichen Haufen zusammengebunden hat, fragt nach meinen Wünschen.

Steak, Bier – und etwas Liebe.

Sie nickt. Lächelt. Kurzer Augenkontakt statt vieler Worte.

Die Frau ist hier die Chefin und gibt meinen einen Wunsch an die Küche weiter, den anderen an die Bar, wo Frank Zappa das Bier zapft. (Zumindest sieht er so aus mit seinen langen Haaren und dem Bart und der üppigen Nase.) Meinen dritten Wunsch vergisst die Chefin leider.

Sie setzt sich an einen freien Tisch und radiert die alten Preise aus den Speisekarten, schreibt neue hinein und überreicht sie einem Lehrerpaar mittleren Alters. Sie müssen fünfzig Cent mehr für ihr Steak ausgeben, während für mich noch die alten Preise gelten. Deshalb ist noch ein Nachtisch drin: Ich esse hausgemachtes Mandel-Eis und trinke dazu entkoffeinierten Espresso.

Morgen wird das alles verdaut und nur noch eine Erinnerung sein. Die Details verblassen und die Dinge beginnen wieder von vorne.


Am nächsten Morgen stehen die Männer schon im Wohnzimmer und zersägen den großen Esstisch. Ich muss dann wohl auswärts frühstücken. Als ich aus einem Loch in der Wand nach draußen schaue, sehe ich tatsächlich blauen Himmel. Ich beeile mich und mache mich auf den Weg.

In der Baixa-Chiado-Station, tief unter dem Largo do Chiado, begegnen sich die Linha Azul und die Linha Verde. Lissabon steht auf sieben Hügeln und die U-Bahn verläuft gerade hindurch.

Normalerweise befördern Rolltreppen die Menschen nach oben. Doch heute verweigern sie ihren Dienst und sind nur normale Treppen. Ganz weit oben scheint etwas Tageslicht in den Schacht. An den Seiten bauen Väter Zelte auf, während Mütter das Mittagessen vorbereiten. Ein anstrengender Aufstieg liegt vor ihnen, aber erst morgen. Ich winke ihnen zu, sie schauen zur Seite, ich eile weiter, dem Licht entgegen.

An der Oberfläche begrüßt mich ein feiner Regen, der mir freudig ins Gesicht sprüht. Sofort klebt mein weißes Hemd auf weißer Haut. Ich bin ein Gespenst. Weiß sind auch der Himmel und der Boden, der aus vielen kleinen Steinen besteht. Weiß sind auch die Zähne der schönen Mädchen, die an mir vorbeihuschen. Drei Blicke sind nötig, um ihre Schönheit aufzunehmen – oft muss ich dafür anhalten. An jeder Ampel verliebe ich mich aufs Neue. Das hilft ein bisschen. Das Glotzen ist kein Kompliment, eher eine Frechheit, schon klar. Andere Männer pfeifen den Mädchen hinterher, aber die lässt das völlig kalt: Sie gehen einfach weiter und ignorieren die gierigen Blicke und überhören das erbärmliche Heulen.

Spätes Frühstück dann im berühmten A Brasileira Café, wo ich erst mal der Invisible Man bin. Unter den großen Schirmen sitzen viele, aber nur einer bedient. Er rennt mit seinem Tablett umher und stellt kleine Tassen auf die Tische. Drinnen lehnen sie an der langen Theke und schlürfen Bica – drinnen muss man aber sofort bezahlen und soll gar nicht lange bleiben. Deswegen die Espressos in ihren Miniaturtassen, die sind schnell ausgetrunken. Im Kollektiv schlürfen die Menschen gegen das Einschlafen, trinken, um den Rest des Tages durchzustehen. Irgendwann will der Kellner endlich auch von mir wissen, was ich gern hätte. Kaffee und Pastel de Nata werden in diesem Moment zur Gewohnheit.

Am Nebentisch sitzen drei ältere Damen, deren banales Blabla ich leider verstehe. Die Frau mit dem Tigermuster-Hut ist außer sich, denn sie will endlich bestellen! Ihre Freundinnen genießen schon den wunderbaren Weißwein und die portugiesischen Törtchen. Ihnen geht es so gut und sie merken das gar nicht.

Schlösser aus Pappe

Anderen geht es wirklich schlecht. Sie sitzen auf dem Praça de São Paulo und warten ab. Überall zertretener Taubenkot auf dem Boden und Obdachlose, die schlecht träumen und riechen. Einer liegt gekrümmt auf einer Sitzbank vor der Kirche, eine andere baut sich aus Zeitungen eine Zeitmaschine. Die #25 bollert vorbei. Und irgendein Bus.

Auf einer Steinbank hocken drei Männer. Ihre Klamotten sind zerschlissen und schmutzig, sind ihr Zuhause. Als sich eine Taube nähert, rastet einer der drei aus, schnappt sich eine alte Zeitung und schlägt auf den Vogel ein, immer und immer wieder. Dem zerfledderten Vieh misslingt die Flucht. Die beiden anderen interessiert der Gewaltausbruch nicht, stoisch sitzen sie da und warten auf den Tod. Schimpfend setzt sich der Taubenschläger wieder hin, die Zeitung voller roter Flecken.

Gegen 22:00 Uhr stellen sich die Armen der Stadt auf dem Restauradores-Platz an, um wenigstens eine warme Mahlzeit zu kriegen. Die Schlange ist mehrere Schaufenster lang. Andere sind schon satt und bauen sich aus verdreckten Kartons ein Schlafzimmer, mit Zeitungspapier als Teppichboden. Gegenüber steht ein Luxus-Hotel, fünf Sterne, tolle Lage. Es verschluckt schöne Paare, die vom Abendessen kommen, und entlässt verliebte Nachtschwärmer in die Straßen. Zwei Polizisten schlendern herum, haben ein Auge auf die Touristen. Überall stehen junge «Schirmverkäufer», zu denen die Schönen bloß gehen müssen, um high zu werden. Damit es ihnen noch besser geht.

Ich gehe runter ans Ufer des Tejo, es ist kurz vor Mitternacht. Schon am Vormittag betrinken sich hier die Obdachlosen und liegen tagsüber in der prallen Sonne, bewusstlos und hoffnungslos. Jetzt sind sie nur noch Schatten in der Dunkelheit. Auf dem schwarzen Wasser ziehen die Boote ruhig ihre Bahnen. Eine Boje schaukelt einsam auf den Wellen, auf und ab, hin und her. Der Himmel ist klar und voller leuchtender Punkte. Auf dem Wasser tanzen die Lichter der Stadt.

Die besten Pastéis der Welt

Am nächsten Morgen reißen die Männer ein paar tragende Wände ein und filetieren den schönen Holzboden. Zum Frühstück im Bett gibt es billige Pastéis aus dem Supermarkt. Doch die Blätterteigtörtchen aus der Plastikbox befriedigen mich längst nicht mehr – mein Gaumen ist verwöhnt.

Die besten Pastéis der Welt gibt es in Belém, gleich neben Starbucks. Doch in der berühmten Patisserie stehen zu viele Menschen mit ihren Rucksäcken, deshalb gehe ich erst mal weiter und schaue mir im nahegelegenen Museu Coleção Berardo einen Bacon an: Oedipus and the Sphinx after Ingres von 1983. Ich mache von dem Gemälde heimlich ein paar Fotos, ich weiß auch nicht, warum. Vielleicht ist das nicht einmal verboten.

Am Nachmittag besuche ich das Padrão dos Descobrimentos, ein Denkmal, das an die großen Seefahrer und Entdecker erinnert, die von Lissabon aus in See stachen und an Skorbut krepierten. Ein Fahrstuhl bringt mich nach oben, wo Touristen stehen und Ausschau halten. Fünfzig Meter unter uns fließt der Tejo, den es nicht interessiert, ob ein Lebensmüder mehr oder weniger im Wasser treibt. Hier oben kann jeder einfach springen, das geht einerseits ganz leicht, ist andererseits aber unendlich schwer und schließlich unmöglich. Nur ein junger Mann nimmt es mit seinem Leben nicht so genau und turnt viel zu nah an der Kante herum. Sein Freund filmt, für YouTube. Jetzt versucht sich der Akrobat an einem Handstand. Vielleicht stirbt der jetzt.

Klatsch, Matsch.

«My nerves!», schreit plötzlich eine hysterische Britin – ein Schrei, der durch Mark und Bein geht. Jetzt ist sie noch schuld am Sterben! Aber der Junge weiß, was er tut, er hat sich im Griff. Durch ein Kreischen lässt er sich die Show nicht vermasseln, no fucking way. Der Junge steht auf seinen Händen, dicht an der Kante, er wankt ein bisschen im Wind, der plötzlich auffrischt, wankt noch mehr. Und …

… nichts passiert.

Später wird der Akrobat einem interessierten Deutschen erklären, dass er Parcour schon lange macht, ein paar Jahre schon. Jetzt reisen er und seine Freunde durch ganz Europa und turnen auf großen Gebäuden herum, hüpfen von hier nach dort, immer weiter und immer gefährlicher. Der interessierte Deutsche nickt anerkennend – da hat er wieder was gelernt, sogar im Urlaub. Seine Frau Annegret steht derweil gelangweilt daneben und gähnt. Ihr doch egal, was die jungen Leute heute so machen. Sollen sie doch auf den Dächern tanzen und abrutschen! Ihr ist mehr nach süßem Genuss, aber ihr Mann schleppt sie von hier nach dort und liest aus dem Baedeker interessante Passagen vor. Liebe kann auch langweilig sein.


Am nächsten Morgen ist das Haus abgetragen, übrig bleiben nur Geröll, ein paar gehäutete Kabel und zersprungene Fliesen. Die nächste Nacht muss ich wohl in einem Palast aus Pappe verbringen – oder in den Armen einer Fremden. Wenn das mal so einfach wäre.

Erst einmal geht es mit der #28 in die richtige Richtung: hoch in die Altstadt, nach Alfama, dem einstigen Stadtkern von Lissabon. Und endlich scheint die Sonne, endlich sind die grauen Wolken weitergezogen und der Himmel ist blau, bis runter an den Horizont. Mit dem Licht kommt auch die Wärme und die ganze Stadt erwacht aus ihrem traurigen Schlaf. Tatsächlich ist Lissabon eine andere Stadt, wenn das Sonnenlicht die Gassen durchflutet: Sie ist schöner, freundlicher und entspannter.

Der warme Tag endet am Miradouro de Santa Catarina, einem der vielen Aussichtspunkte der Stadt. Die Sonne steht tief und taucht alles in ein besonderes Licht. Sanft weht der Wind durch die Bäume und bringt die Blätter zum Rascheln und Rauschen. In einer kleinen Bude lungert ein glatzköpfiger Junge herum und verkauft nebenbei Bierflaschen und Zigaretten. Überall sitzen Leute, die labern und trinken und lachen. Ein Hippie zupft unbeholfen die Saiten seiner löchrigen Gitarre. Joints verbrennen, Hunde bellen, Bierflaschen klirren. Und dann ist da noch sie: die Frau aus der Bar. Sie sitzt auf dem Rasen, raucht und liest ihr Buch, blättert um, Seite für Seite.

Ich schaue auf die kräftig leuchtende Stadt, die sich vor mir ausbreitet, schaue auf den Hafen, auf den funkelnden Tejo. Die Kälte und die Dunkelheit sind ganz weit weg.